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 Episches ...
Selena Offline

Kind


Beiträge: 20

08.04.2005 13:44
Der letze Brief Antworten

Mein Vater,

wie lange ist es her, daß ich Euch zuletzt schrieb? Es könnten Wochen oder auch Jahrzehnte sein, ich weiß es nicht. Doch dieser Brief - und dies ist gewiss – wird mein letzter sein.
Ich ertrage es nicht mehr zu sehen, wie Jahr um Jahr in Vergessenheit zerfällt, wie Erinnerung um Erinnerung in den schwarzen Wolken der Ewigkeit verlischt. Die Freude, die ich in der einen Nacht empfinde, ist im Morgengrauen schon versiegt. Jeder Hoffnungsschimmer verdorrt im Anblick dieses meines elendigen Daseins.
Die Tage rasen an mir vorbei, so daß ich nur einen unkenntlichen Schlieren ihres Lichts erfasse; und die Nächte ziehen mich in ihren zähen, bleiernen Strom, in dem mein Geist ertrinkt, ohne je von der Bürde der Unsterblichkeit befreit zu werden.
Jedes Aufwachen ist eine Folter, die Stunden verschleiert die Lethargie meiner Existenz, jedes Ermüden, das mich so früh schon fesselt, jedes Einschlafen ist eine Qual, denn aus diesen grauen Träumen erwache ich und erwache und erwache.
Wie viele Nächte sind es? Tausende? Sie verlieren sich alle. Mir ist, als hätten sie nie einen Anfang gehabt, ebenso wie es kein Ende gibt für sie. Welchen Sinn soll es noch haben, sie betäubt und kalt zu durchwandeln auf dieser Erde, die so unfassbar und fremd geworden ist? Die Menschen sind eine Herde geworden, von denen ich zehre, obwohl ich einst zu ihnen gehörte. Und immer wieder zwingt mich das Tier, dem ich mich immer öfter hingebe, weil ich zu schwach zum Widerstehen bin, ihr Leben zu nehmen, um das, was wir ‚Leben’ nennen, zu erhalten, obwohl es nichts anderes als dumpfer Ton ist, der kaum wahrnehmbar in die Unendlichkeit hallt. Und die, die sich meine Brüder und Schwestern nennen, sind nichts als Darsteller auf einer großen Bühne, die eine Posse spielen, ohne es zu merken. Ihre Inszenierungen sind mir zuwider, jede gekünstelte Geste, jedes aufgesetzte Lachen lässt einen stillen Haß in mir aufquellen, der viel zu schnell wieder verlischt und einem wissenden, gleichsam unerträglichen Schweigen Platz macht. All diese Vampire, die vorgeben, Menschen oder Tiere zu sein, ohne je zu einem von beiden zu gehören, sind in ihrem Innersten ebenso ausgebrannt wie ich. Aber sie können es sich nicht eingestehen. Lieber hängen sie alle Spiegel ab, um nicht jede Nacht dieses Gesicht sehen zu müssen, das sie erst entzückt, dann langweilte und jetzt nur noch Ekel und Abscheu in ihnen weckt. Und egal ob sie das Mensch-Sein oder das Tier-Sein verleugnen, sie werden alle an dem zugrunde gehen, an was sie sich hilflos im Sturm der Jahrhunderte klammern, denn sie werden es nie halten können.
Ich habe eingesehen, daß es kein Weiterkommen gibt und deshalb werde ich diesem Immer-Wiederkehren, diesem Nicht-entkommen-Können ein Ende setzen.
Bald wird die Sonne aufgehen.
Ein letztes Mal werde ich sehen, was ich nicht mehr zu kennen glaubte. Und endlich werde ich wieder fühlen! Ist es nicht eine Ironie unseres Unlebens, daß wir nur durch den Schmerz und die Agonie des Todes wieder spüren können, und daß dieser Moment, der uns aus unserem Dahinsiechen reißt, uns zugleich das Leben, das wir so kurz wieder empfinden dürfen, für immer nimmt?
Ach, es gibt doch kein Entrinnen, und so wähle ich denn einen Moment des Lebens und den ewigen Tod, statt in Verdammnis gleichgültig und ziellos zu wandern.
Seht mein Vorhaben nicht als Undankbarkeit. Ihr hattet Eure Gründe, mich zu dem zu machen, was ich bin. Aber mein Sein ist nur noch ein trübes, zerbrochenes Abbild dessen, was Ihr Euch von mir erhofftet.

Dieser Morgen möge mich erlösen!

In Verbundenheit,
Etienne de Bourgogne

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